{"id":1151,"date":"2023-05-04T22:58:00","date_gmt":"2023-05-04T20:58:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lsvd-lsa.de\/?p=1151"},"modified":"2024-10-20T13:49:33","modified_gmt":"2024-10-20T11:49:33","slug":"rede-zum-1-mai-2023-sexarbeit-statt-stigma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lsvd-lsa.de\/en\/rede-zum-1-mai-2023-sexarbeit-statt-stigma\/","title":{"rendered":"Rede zum 1. Mai 2023 &#8211; Sexarbeit statt Stigma"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Disclaimer: Diese Rede wurde in \u00e4hnlicher Form am 1. Mai 2023 in Magdeburg gehalten. Da die Rede vorher aus Stichpunkten bestand, wurde sie hier in Textform geschrieben. Deswegen k\u00f6nnen einige Formulierungen von der geprochenen Form abweichen, die inhaltlichen Positionen sind aber die gleichen. In dieser Form sollte die Rede zum Ausdruck kommen.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>An dieser Stelle distanzieren wir uns ausdr\u00fccklich von jeglicher Form von (Zwangs-)Prostitution, Zuh\u00e4lterei, Gewalt und anderen zwangsvollen \/ gewaltvollen sexuellen Handlungen! Ebenso geht damit einher, dass wir kein &#8222;Recht auf Sex&#8220; oder \u00c4hnliches vertreten, wie in manchen Medien behauptet wurde. Sex bzw. sexuelle Handlungen jeglicher Form m\u00fcssen &#8211; auch gegen Entgelt &#8211; immer auf Konsens beruhen!&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sexarbeit in der von uns vertretenen Position betrifft bei weitem nicht das gesamte Feld von Sexualit\u00e4t, die gegen Geld erbracht wird. Trotzdem glauben wir, dass der geringe Teil der Menschen, die sexuelle Dienstleistung als einvernehmliche und entgeltliche Handlung anbieten, rechtlich gest\u00e4rkt werden muss. Somit soll ein (regulierter) Kontrast zu (Zwangs-)Prostitution und sexueller Sklaverei entstehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Zudem r\u00e4umen wir an dieser Stelle ein, dass wir keinen Alleinstellungsanspruch f\u00fcr das Thema hegen. Wir bef\u00fcrworten eine diverse Meinungskultur und konstruktive Kritik, weil wir so lernen und unser Vorgehen verbessern k\u00f6nnen. Der unten stehendeText soll daher ein Verbesserungsversuch in Bezug auf die aktuelle Situation sein. Des Weiteren werden wir verst\u00e4rkter den Austausch mit anderen Personen, Gruppen und Institutionen suchen, um uns st\u00e4ndig weiterzubilden.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die untengenannten Stichpunkte wurden nicht vorgelesen.\u00a0Aussagen in eckigen Klammern waren urspr\u00fcnglich nicht Teil der Rede.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>SEXARBEIT \u2013 SELBSTBESTIMMUNG STATT STIGMA<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der LSVD Sachsen-Anhalt e.V. versteht sich als B\u00fcrgerrechtsverband und vertritt die Interessen und Belange von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans, intergeschlechtlichen und queeren Menschen (LSBTIQ*). Menschenrechte, Vielfalt und Respekt \u2013 wir wollen, dass LSBTIQ* als selbstverst\u00e4ndlicher Teil gesellschaftlicher Normalit\u00e4t akzeptiert und anerkannt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Grundlage des Beschlusses des Bundesverbandstages am 12.03.2023 beziehen wir zum Thema\u00a0<em>Sexarbeit<\/em>\u00a0Stellung. Unter\u00a0<em>Sexarbeit<\/em>\u00a0verstehen wir s\u00e4mtliche Arbeiten in der Sexindustrie, die unter konsensuellen sexuellen oder sexualisierten Dienstleistungen zwischen vollj\u00e4hrigen Gesch\u00e4ftspartner*innen gegen Entgelt oder andere materielle G\u00fcter zusammengefasst werden. Mit Sexarbeit meinen wir ausdr\u00fccklich\u00a0keine\u00a0Prostitution. In der Sexarbeit soll es \u2013 im Gegensatz zur Prostitution \u2013 keine Abh\u00e4ngigkeiten, keine Zuh\u00e4lterei und keinen Zwang geben, sexuelle Handlungen ausf\u00fchren zu m\u00fcssen. Unter Sexarbeit verstehen wir also eine einvernehmliche sexuelle Dienstleistung zwischen vollj\u00e4hrigen Menschen gegen Entgelt, die auf Freiwilligkeit und Respekt basiert. Darunter z\u00e4hlen beispielsweise die Darstellung in Pornofilmen, der Lapdance \/ erotische Tanz, Massagen mit sexuellem Bezug, Escort-\/ Stra\u00dfen- und Bordellarbeit. Sexarbeit kann auch via Telefon, Video und online stattfinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum sollten wir \u00fcber Sexarbeit reden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sexarbeit ist ein Bestandteil unserer Gesellschaft [, der in allen seinen Erscheinungsformen &#8211; auch in seinen schlechten &#8211; etabliert ist.] Sie taucht in vielen gesellschaftlichen Bereichen, allen Klassen, Schichten und Geschlechtern auf. Sex ist ein Grundbed\u00fcrfnis und ein nicht wegzudenkender Teil des Menschen. Somit ist auch der Wunsch nach Sex und das Begehren nat\u00fcrlich. [Dieser kann jedoch ein Einfallstor f\u00fcr Missbrauch sein.]<\/p>\n\n\n\n<p>Das diverse Angebot der Sexarbeit zeigt, dass es ein breites Feld ist: So gibt es manche Formen, die sich auf das Zuh\u00f6ren, Kuscheln und den Austausch intimer Handlungen fokussieren. F\u00fcr Menschen mit Behinderung kann es schwer sein, Partner*innen zu finden, sodass sie auf das Angebot angewiesen sind. Zudem erf\u00e4hrt der Online-Sektor einen starken Zuwachs durch kommerzielle Dienstanbieter.<\/p>\n\n\n\n<p>Das breite Feld an Angeboten zeigt, dass es ungerechtfertigt ist, Sexarbeiter*innen zu stigmatisieren und abzuwerten. Vielmehr braucht es eine Trennung von Weiblichkeit und Keuschheit sowie eine Trennung von Emotionalit\u00e4t und Sex. Insbesondere darf es keinen \u201eAlleinstellungsanspruch\u201c von Sex in der Beziehung geben. Zusammenfassend geht es also um die Frage, wer den Zugang zu Sex hat und wer nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum brauchen wir Regularien?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sexarbeiter*innen werden in der \u00d6ffentlichkeit strukturell diskriminiert und abgewertet. Sie haben eine schlechtere medizinische Versorgung, sind von Gewalt sowie negativen Erfahrungen betroffen, die an dieser Stelle nicht sch\u00f6ngeredet werden sollen. Insbesondere queere Menschen erfahren durch die Gesellschaft Ausgrenzung und Gewalt, obwohl sie auch h\u00e4ufig begehrt werden. Dies betrifft v.a. trans Personen und junge m\u00e4nnliche Menschen, [weil ihnen mitunter Teilhabem\u00f6glichkeiten am Arbeitsmarkt verwehrt werden und sie deswegen in die (Zwangs-)Prostitution gedr\u00e4ngt werden.]<\/p>\n\n\n\n<p>Sexarbeiter*innen wird es auch in Zukunft geben, mit Verboten oder ohne. Daher brauchen wir eine St\u00e4rkung der Sexarbeit, um Prostitution und den illegalen Verkauf von Sexhandlungen bzw. von Menschen zu schw\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das Angebot einer Care-Leistung sind Sexarbeiter*innen von der liberalen Marktwirtschaft ebenso betroffen, wie in anderen Sorgeberufen. Das bedeutet, dass sie st\u00e4ndigem Lohndruck ausgesetzt sind, weil die Leistung nicht im gleichen Ma\u00dfe rationalisierbar ist wie eine G\u00fcterproduktion. Sexarbeiter*innen hat es daher in der Corona-Krise und w\u00e4hrend der Inflation ebenso hart getroffen. Weiterhin wird der Online-Markt rapide zunehmen bzw. ist in Begriff dessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sexarbeit soll in erster Linie Arbeit bzw. ein Beruf sein. Es ist ein offizielles Kleingewerbe, das Steuern und Krankenkassenbeitr\u00e4ge zahlen muss. Wir sind der Meinung, dass Sexarbeiter*innen ihrem Beruf mit Stolz und Respekt nachgehen k\u00f6nnen sollen. Weil Sexarbeiter*innen in einem sehr heterogenen Feld besch\u00e4ftigt sind, haben sie es nicht verdient, abgewertet zu werden. Wir bef\u00fcrworten bessere Arbeitsbedingungen, faire L\u00f6hne, eine eigene Lobby, die Aufnahme in die Gewerkschaften und die Herstellung von sicheren Arbeitsorten. Um auch queere Menschen besser zu sch\u00fctzen, pochen wir auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und den Abbau von Vorurteilen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In Anlehnung an den Beschluss der Mitgliedschaft des LSVD-Bundesverbandes bef\u00fcrworten wir:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>die Anerkennung von Sexarbeit als vorurteilsfreie heterogene Dienstleistung<\/li>\n\n\n\n<li>die vollst\u00e4ndige Entkriminalisierung und Abschaffung von Sondergesetzen<\/li>\n\n\n\n<li>ein Ende staatlicher\/nichtstaatlicher \u00dcberwachung, wie es im Prostituiertenschutzgesetz geregelt ist<\/li>\n\n\n\n<li>eine Verbesserung des gesetzlichen Schutzes vor Diskriminierung<\/li>\n\n\n\n<li>den Miteinbezug von Sexarbeiter*innen in Gremien, Policies und der Gesetzgebung<\/li>\n\n\n\n<li>die Ber\u00fccksichtigung der Bedarfe und Lebensrealit\u00e4ten von Sexarbeiter*innen durch die Zivilgesellschaft<\/li>\n\n\n\n<li>eine Sensibilisierung, Fortbildung und Antidiskriminierungsarbeit zu Sexarbeitsfeindlichkeit in allen relevanten Beh\u00f6rden und \u00c4mtern<\/li>\n\n\n\n<li>den Einbezug von Berufsverb\u00e4nden und Selbstorganisationen<\/li>\n\n\n\n<li>die Aufkl\u00e4rung von Fachkr\u00e4ften f\u00fcr Bed\u00fcrfnisse queerer Sexarbeiter*innen<\/li>\n\n\n\n<li>die Sensibilisierung bestehender Angebote f\u00fcr Sexarbeiter*innen f\u00fcr queere Themen und einen Abbau der Stigmatisierungen<\/li>\n\n\n\n<li>eine nachhaltige finanzielle Absicherung bedarfsgerechter Beratungs- und Unterst\u00fctzungsangebote<\/li>\n\n\n\n<li>eine entstigmatisierende Informations- und Beratungspraxis<\/li>\n\n\n\n<li>eine Finanzierung und strukturelle Absicherung ausreichender Schutzunterk\u00fcnfte f\u00fcr Betroffene von Gewalt, die auch den Schutz m\u00e4nnlicher, trans, inter und nichtbin\u00e4rer Sexarbeiter*innen gew\u00e4hrleistet<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Durch die Umsetzung dieser Forderungen hoffen wir, eine Gesellschaft zu schaffen, welche die Realit\u00e4t annimmt und nicht verdr\u00e4ngt. Es geht uns um Respekt, sichere Arbeitsbedingungen und die Sicherstellung von Leben, um so die Gesamtsituation f\u00fcr alle verbessern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.lsvd.de\/de\/ct\/8830-beschluss-sexarbeit-selbstbestimmung-statt-stigma\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.lsvd.de\/de\/ct\/8830-beschluss-sexarbeit-selbstbestimmung-statt-stigma\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Siehe auch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Disclaimer: Diese Rede wurde in \u00e4hnlicher Form am 1. Mai 2023 in Magdeburg gehalten. Da die Rede vorher aus Stichpunkten bestand, wurde sie hier in Textform geschrieben. Deswegen k\u00f6nnen einige Formulierungen von der geprochenen Form abweichen, die inhaltlichen Positionen sind aber die gleichen. 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