{"id":3659,"date":"2021-06-14T10:13:00","date_gmt":"2021-06-14T08:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lsvd-lsa.de\/?p=3659"},"modified":"2025-02-11T20:42:35","modified_gmt":"2025-02-11T19:42:35","slug":"lsvd-erinnert-an-verfolgung-von-lesbischen-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lsvd-lsa.de\/en\/lsvd-erinnert-an-verfolgung-von-lesbischen-frauen\/","title":{"rendered":"LSVD erinnert an Verfolgung von lesbischen Frauen"},"content":{"rendered":"<p><br><strong>Rede von Grit Merker, beim Gedenken an die Opfer des ehemaligen Frauen-und M\u00e4nner-KZ Magdeburg am 14. Juni 2021<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Sehr geehrte Anwesende<\/strong>,<br>mein Name ist Grit Merker, und ich bin gebeten worden, f\u00fcr den <strong>LSVD Sachsen-Anhalt<\/strong> am heutigen Tag des Gedenkens zu sprechen. Ich selbst nehme die Vertretung des LSVD im <strong>Beirat 33\u201345<\/strong> der Stiftung Gedenkst\u00e4tten LSA wahr und freue mich sehr, heute zu Ihnen sprechen zu d\u00fcrfen. Denn ich m\u00f6chte die Gelegenheit nutzen, Sie einzuladen, unseren Fokus auf eine <strong>Gruppe von Frauen<\/strong> innerhalb der Frauenlager zu richten, der h\u00f6chst selten ein Platz im Gedenkkanon zugedacht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gruppe, die ich meine, ist die der <strong>lesbischen Frauen<\/strong>. Im <strong>KZ Magdeburg-Polte<\/strong> waren ca. 3.000 Insassinnen interniert, die f\u00fcr den damals europaweit gr\u00f6\u00dften <strong>Munitionshersteller<\/strong> Zwangsarbeit leisten mussten. Wir wissen nicht, ob unter ihnen lesbische Frauen waren, aber wir k\u00f6nnen es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum wissen wir so wenig?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Um dies zu verstehen, m\u00fcssen wir uns zun\u00e4chst die Geschichte der <strong>Homosexuellenverfolgung<\/strong> in Deutschland vergegenw\u00e4rtigen. Die Verfolgung lesbischer Frauen ist eng an den 1871 eingef\u00fchrten <strong>\u00a7 175 RStGB<\/strong> gebunden, auch wenn er f\u00fcr Frauen nie eine Strafe vorsah.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zuge der Strafversch\u00e4rfung 1935 blieben Frauen trotz heftiger Debatte weiterhin straffrei mit den folgenden Begr\u00fcndungen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Frauen seien f\u00fcr den <strong>M\u00e4nnerstaat<\/strong> politisch bedeutungslos.<\/li>\n\n\n\n<li>Frauen k\u00f6nnen zur Erf\u00fcllung des <strong>Fortpflanzungsauftrags<\/strong> gezwungen werden (Anm.: durch Vergewaltigung).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Sexuelle Handlungen<\/strong> unter Frauen seien schwerer nachweisbar.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Homosexualit\u00e4t bei Frauen wurde als <strong>unwichtig<\/strong> erachtet, wie \u00fcberhaupt eine autonome, selbstbestimmte <strong>Sexualit\u00e4t<\/strong> bei Frauen g\u00e4nzlich negiert wurde. Es war ihre <strong>Unabh\u00e4ngigkeit<\/strong> (von einem Mann), das \u201esich nicht in die Volksgemeinschaft einbringen und dem Reproduktionsauftrag unterwerfen\u201c, was lesbische Frauen zu <strong>\u201eAsozialen\u201c<\/strong> werden lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz nicht vorliegender Strafbarkeit wurden lesbische Frauen meist unter <strong>Vorw\u00e4nden<\/strong> inhaftiert. Deshalb ist die wissenschaftliche Aufarbeitung der Verfolgung eben dieser Opfergruppe <strong>schwierig<\/strong>. W\u00e4hrend die Verhaftung schwuler M\u00e4nner anhand vorhandener <strong>Polizei- und KZ-Akten<\/strong> nachvollzogen werden kann, ist die Rekonstruktion der Lesbenverfolgung nahezu ausschlie\u00dflich \u00fcber <strong>Berichte \u00fcberlebender Frauen<\/strong> m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Erlebte \u2013 die <strong>Erniedrigungen<\/strong> \u2013 Lesben wurden h\u00e4ufig zur <strong>Prostitution<\/strong> in KZ-Bordellen eingesetzt, Homophobie in der Lagerkultur und der Fortbestand einer <strong>homofeindlichen Gesellschaft<\/strong> \u2013 f\u00fchrten dazu, dass KZ-\u00fcberlebende lesbische Frauen sich in die <strong>Unsichtbarkeit<\/strong> zur\u00fcckzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ilse Kokula, die zur Lesbenverfolgung forschte und 1986 ihre Gespr\u00e4che mit \u00e4lteren lesbischen Frauen ver\u00f6ffentlichte, berichtete: \u201eAllein das Aufsp\u00fcren von <strong>Zeitzeuginnen<\/strong> erwies sich als Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, weil \u00e4ltere und alte Frauen nicht gerade in die Gruppen der <strong>Lesbenbewegung<\/strong> str\u00f6mten. Hinzu kommt, dass potenzielle <strong>Informantinnen<\/strong> zwar bereit sind, \u00fcber den Faschismus zu sprechen, aber nicht \u00fcber ihr Lesbischsein. Meine Erfahrungen zeigen, dass lesbische Frauen, die die <strong>NS-Zeit<\/strong> und die Nachkriegszeit erlebt haben, extrem vorsichtig geworden sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum ist es wichtig, zu wissen und zu erinnern?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Am Ende des Naziregimes waren lesbische Frauen aus der <strong>\u00f6ffentlichen Wahrnehmung<\/strong> und dem <strong>gesellschaftlichen Bewusstsein<\/strong> verschwunden. Die deutschen Nachfolgestaaten hatten sich keineswegs des <strong>homophoben Geistes<\/strong> der NS-Zeit entledigt, demzufolge spielte die Verfolgung Homosexueller in der <strong>Geschichtsschreibung<\/strong> und Erinnerung der Mehrheitsgesellschaft nahezu keine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist im Grunde bis heute so. Mit der <strong>Emanzipationsbewegung<\/strong> in den 70er-Jahren entstanden neue <strong>Identit\u00e4tsbildungsprozesse<\/strong>, die sich auf eine Besetzung politischer \u00d6ffentlichkeiten mit lesbischen Themen fokussierten. Neben geschichtlicher <strong>Aufarbeitung<\/strong> und Kontaktaufnahme zu Zeitzeug*innen waren <strong>aktive Gedenken<\/strong> ein wichtiges politisches Mittel der Homosexuellenbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens in den 80er-Jahren setzten aktive <strong>Gedenken<\/strong> an verfolgte lesbische Frauen des <strong>NS-Regimes<\/strong> u. a. in Ravensbr\u00fcck ein. Dies war auch ein <strong>Aufbegehren<\/strong> gegen den als einseitig erz\u00e4hlt empfundenen <strong>NS-Opfermythos<\/strong> in der DDR.<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Vorsto\u00df f\u00fcr die Schaffung eines spezifischen <strong>Mahnmals<\/strong> zum Gedenken an lesbische NS-Verfolgte im KZ Ravensbr\u00fcck liegt bereits f\u00fcnf Jahre zur\u00fcck. Obwohl von einem <strong>breiten B\u00fcndnis<\/strong> queerer Organisationen getragen, l\u00e4sst die Umsetzung noch immer auf sich warten. Die Stiftung <strong>Gedenkst\u00e4tten Berlin-Brandenburg<\/strong> verhinderte die Umsetzung bisher, ma\u00dfgeblich aufgrund der <strong>Negierung<\/strong> der Verfolgung von Lesben im Nationalsozialismus durch den Beiratsmitwirkenden und homosexuellen Historiker <strong>Alexander Zinn<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser hatte bereits Jahre zuvor die Forderung nach einer <strong>lesbischen Komponente<\/strong> des Berliner Homomahnmals als <strong>\u201eGeschichtsklitterung\u201c<\/strong> bezeichnet. An der Stelle wird deutlich, wie Teile der Opfergruppe der Homosexuellen um die Einstufung der eigenen <strong>Wichtigkeit<\/strong>, Anerkennung und Deutungshoheit \u00fcber den eigenen Opferkomplex konkurrieren, in dem die Verfolgung queerer Frauen oft <strong>abgestritten<\/strong> wird.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was k\u00f6nnen wir tun?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p><strong>Queere Perspektiven<\/strong> sind immer noch wenig im Bewusstsein von Geschichtsschreibenden ausgepr\u00e4gt. Einige <strong>Historiker*innen<\/strong> wissen nicht einmal, dass das Thema existiert. Diese <strong>Unsichtbarkeit<\/strong> liegt auch an einer lang anhaltenden Homophobie (sowie <strong>Sexismus<\/strong>), die die Geschichtsschreibung nach wie vor beeinflusst. Forschende auf diesem Gebiet erfahren oftmals innerhalb ihres Wissenschaftsbereichs <strong>wenig bis keine Anerkennung<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist es jenen Menschen wie <strong>Claudia Schoppmann<\/strong>, <strong>Insa Eschebach<\/strong>, <strong>Anna H\u00e1jkov\u00e1<\/strong>, <strong>Jens Dobler<\/strong> oder <strong>Maria B\u00fchner<\/strong> zu verdanken, dass wir \u00fcberhaupt etwas \u00fcber die Verfolgung lesbischer Frauen wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass die Geschichte der Verfolgung lesbischer Frauen <strong>Teil unser aller Geschichte<\/strong> ist. Der <strong>LSVD Sachsen-Anhalt<\/strong> arbeitet aktiv im Beirat <strong>33\u201345<\/strong> der Stiftung Gedenkst\u00e4tten Sachsen-Anhalt mit. Aber auch hier wird deutlich, dass ohne vorliegende <strong>Forschungsergebnisse<\/strong> zu explizit lesbischer Verfolgung auf dem Territorium des heutigen Landes keine <strong>offizielle Gedenkarbeit<\/strong> stattfinden kann und wird. Das Thema spielt bislang keine <strong>Rolle<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 2009 beteiligt sich der <strong>LSVD Sachsen-Anhalt<\/strong> an der Gedenkaktion <strong>Stolpersteine<\/strong> in Magdeburg. Bisher konnten <strong>14 Stolpersteine<\/strong> verlegt werden, allerdings kein einziger f\u00fcr eine <strong>lesbische Frau<\/strong>. Wir brauchen dringend <strong>Forschung<\/strong> und werden weiterhin versuchen, wissenschaftliches Personal daf\u00fcr zu gewinnen und <strong>Finanzmittel<\/strong> daf\u00fcr einzuwerben.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist es bereits zu sp\u00e4t, noch <strong>Zeitzeug*innen<\/strong> aufzutun. Aber wer wei\u00df, vielleicht erinnern wir auch hier in Magdeburg irgendwann an lesbische Verfolgte des <strong>NS-Regimes<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Herzlichen Dank<\/strong> f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede von Grit Merker, beim Gedenken an die Opfer des ehemaligen Frauen-und M\u00e4nner-KZ Magdeburg am 14. Juni 2021 Sehr geehrte Anwesende,mein Name ist Grit Merker, und ich bin gebeten worden, f\u00fcr den LSVD Sachsen-Anhalt am heutigen Tag des Gedenkens zu sprechen. 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