Buch des Monats (Februar): Gudmund Vindland – Der Irrläufer

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Die Geschichte beginnt mit einem Traum schwuler junger Liebe – einer scheinbar perfekten Beziehung. Oder nein, eigentlich beginnt die Geschichte mit ihrem Ende, das aber nur kurz angerissen und doch eine Tragik ungeheuren Ausmaßes andeutend. Zugegeben, beim Lesen habe ich Yngve schon beneidet, der seinen Freund bereits in der 4. Klasse kennen lernte, mit ihm das erste Erwachen erotischer Gefühle erlebte und letztendlich mehr teilte als bloße Freundschaft. Doch die gesellschaftlichen Verhältnisse im Norwegen der 50er Jahre schlugen schnell erste Risse in diese Beziehung und bauten einen Druck auf, dem Yngves Freund Magnus weit weniger gewachsen war als Yngve selbst. Nein, Magnus ist nicht schwul! Und so handelt der erste Teil immer wieder von dem Spannungsfeld der Anziehungskraft, die Yngve auf Magnus ausübt und dem Drang zur gesellschaftlichen Anpassung. Großen Anteil an letzterem hat gerade die christliche Kirche, in deren Umfeld sich die beiden Jungs viel bewegen. Das Auftreten eines Pastors, der ebenfalls zum Versteckspiel getrieben sich den beiden Jungs auf bizarre Weise annähert, nährt die Ansichten von Magnus. So einer bin ich nicht! Also kommt das unvermeidbare und Yngve findet sich plötzlich allein in der großen Welt wieder, geht zunächst aufs Gymnasium, scheitert dann allerdings ein weiteres Mal an den gesellschaftlichen Normen und dem Drang zur Anpassung und beginnt daraufhin eine Lehre. Man kann schon sagen, dass Yngve ein Querschläger ist, aber einer von den Guten. Er bleibt sich treu, einfach weil er gar nicht anders kann und das macht ihn sympathisch. Doch das Leben geht weiter: Erste Erfahrungen in Schwulenkneipen und auch hier Rückschläge und sogar Gewalt. Aber die Szene hält zusammen. Wirklich? Verfolgt nicht doch jeder irgendwo versteckt auch seine eigenen Pläne und Absichten? Ein Absturz in die Dekadenz der Schönen und Reichen, eine Reise durch Europa, Partys, Drogen, schriller Höhenflug… und dann der Absturz! Yngve lässt wahrlich nichts aus, um über die Welt und die Menschen zu lernen, stolpert dabei aber mehr durch sein Leben, als zielgerichtet zu forschen. Dieses Dasein zwischen den Extremen, im ständigen Widerstreit mit der Gesellschaft, die erste große Liebe noch immer nicht verarbeitet, führt dann letztendlich zum Zusammenbruch. Wir lernen mit ihm eine norwegische Nervenklinik von innen kennen und kommen bald zu dem Entschluss: Gesund wird man dort nicht gemacht. Eher noch kranker. Aber Yngve ist ein harter Knochen und erst jetzt, wo er tiefer nicht mehr fallen kann und jeglicher Ausgang aus seiner Lage hoffnungslos erscheint, regeneriert er nach und nach unheimliche Kräfte, wieder zu sich zu finden. Und so steht er wieder draußen, in der freien Welt, mit nichts außer sich selbst und nur eins, zwei wirren Ideen, was seine Zukunft werden könnte, aber mit umso mehr Last an Vergangenheit, die er bis zuletzt nicht abschütteln kann.

Der Irrläufer ist ein phänomenaler Einblick in die menschliche Psyche, in Auswirkungen der gesichtslosen, anonymen Mehrheit in einem Individuum. Und es zeigt sehr anschaulich, was es auch in Europa noch vor nicht allzu langer Zeit bedeutete, schwul zu sein. An vielen Stellen möchte man Yngve einfach in den Arm nehmen und trösten. Alles wird gut. Aber Yngve ist bei aller Geselligkeit doch ein Einzelgänger, der seinen eigenen Weg gehen muss. Den wir alle gehen müssen, jeder für sich selbst. Allein deshalb ist das Buch unbedingt lesenswert!

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