Unser Herbstbuch: Klaus Mann – Der fromme Tanz

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“‚Mein kleiner Andreas – ich weiß, du kannst mich nicht lieben – du liebst nicht die Frauen – wir wollen uns nichts vorlügen, wollen’s uns nicht leichter machen – aber gib mir deinen Mund.'”
Es ist wahrlich noch eine andere Sprache, die dieses Buch spricht. Eine Sprache, die es fertig bringt, von der ersten bis zur letzten Seite über die Erlebnisse eines Menschen zu schreiben, der sich in schillernden, teils travestiegeprägten Welten eine eigene Nische sucht, ohne auch nur einmal Worte, wie “homosexuell” oder “schwul” zu verwenden. Die oben zitierte Stelle ist es als einzige, an der die Orientierung von Andreas Magnus am deutlichsten zur Sprache gebracht wird. Es ist eine unschuldige Sprache – so unschuldig, wie unser Hauptcharakter im ersten Teil gezeichnet wird, daheim im väterlichen Hause, arbeitend an einem ersten großen Kunstwerk, mit dem Andreas seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Andreas, der selbst noch so unschuldig ist, wie der ganze Roman anfangs geschrieben wirkt in einer Sprache, die mittlerweile so fremd erscheint, dass es schwer fällt, sich mit dem Buch zu identifizieren, einen leichten Zugang zu finden. Darüber hängt fast drohend der Name Klaus Manns, ältester Sohn des großen Schriftstellers Thomas Mann. Auf die heutige Jugend mag das Werk abschreckend wirken. Sie identifiziert sich über andere Dinge. Überraschend wirkt derweil, dass ebenjenes Phänomen schon von Klaus Mann in die Gedanken des Andreas gelegt wird: Die “Jugend von heute” ist zu jeder Zeit schon schwer zu fassen gewesen. Auch daran krankt Andreas im Versuch, seiner eigenen Generation einen Charakter zuzuordnen.Reichlich naiv, gepaart mit dem jugendlichen Drang, alles auf einmal zu erfassen, wirken Andreas’ Gedanken zu Beginn des Werkes. Damit einher geht eine Verzweiflung, die ihn zunächst an die Böschung eines reißenden Flusses treibt, dann aber nach kurzer Besinnung immerhin noch fort von zu Hause und ins große Berlin! Hier ändert sich die Färbung des Romans frappierend. So wie Berlin auch heute noch von Ferne all jene anlockt, die von großer Karriere träumen, zeigt es ein hartes Gesicht, befindet man sich erst einmal inmitten des geschäftigen Großstadttreibens. Andreas durchlebt diesen Leidensweg, wird von den Umständen regelrecht in die Pension Meyerstein gespült und freundet sich dort mit den unterschiedlichen Bewohnern an. Dabei scheint ihn das Schicksal seiner Natur nach geleitet zu haben, denn ehe er sich’s versieht, steckt er inmitten der Berliner Travestie- und Schwulenszene der blühenden 20er Jahre, die allerdings aus mehr besteht als nur leuchtenden Scheinwerfern, Prosecco und beleibten Herren, die ihm Avancen machen. Hier schlägt sich Andreas einige Zeit durch, schließt viele Bekanntschaften und freundet sich mit Franziska an, durch die er anfangs erst aufgefangen wurde, als er wie ein Gestrandeter Bekanntschaft mit der Hauptstadt gemacht hat. Als die beiden beschließen, Urlaub in der Nähe von Dresden zu machen, lernt Andreas dort Niels kennen, in den er sich sofort verliebt. Doch Niels ist ein Charmeur vor den Frauen und denkt nicht daran, sich an Andreas binden zu lassen. Wo er sich zunächst den beiden Berlinern anschließt, um seinem bisherigen Leben und seiner fast-Adoptivmutter zu entkommen, so flüchtet er dann weiter, als er feststellt, dass es ihm auch in Berlin zu eng wird. Andreas reist ihm aus Liebe hinterher. Regelrecht clichéhaft wirkt es, dass nach der Szenestadt Berlin nun die Hamburger Reeperbahn, anschließend Köln und zuletzt die Stadt der Liebe, Paris, Stationen seiner Reise sind. Erst in Paris holt er Niels ein, muss dort jedoch abermals lernen, dass seine Liebe weiterhin unerwidert bleiben wird und Niels sich nicht zähmen lässt. Mit dem Beschluss von Andreas, aus Paris aufzubrechen, weiter in den Süden und dann von dort aus in den fernen Osten und nach Amerika zu reisen, endet das Buch. Mittendrin enthält es viel Grübelei über das Wesen der Menschen, über die Liebe und über das Leid, dass sie bringt, wenn sie nicht erwidert wird. Generell scheint hier nur die unerwiderte Liebe zu existieren, denn nicht nur hat sich Andreas in Niels verliebt, sondern erfährt er auch Liebe von mehreren Menschen, die er selbst nicht erwidern kann. All diese Konstruktionen wirken zuweilen etwas gekünstelt und während man noch glauben kann, dass Andreas durch einen Gönner aus Berlin die Suche nach Niels finanziert bekommt, wirkt es schon fraglich, ob die weitere Weltreise mit Hotelzimmern, und Flugzeugflügen im Verhältnis stehen. Nichtsdestotrotz lohnt es sich, dieses Buch zur Hand zu nehmen, um ein Gefühl für das Leben in den zwanziger Jahren zu bekommen, um zu erfahren, dass viele Probleme von heute bei weitem nicht neu sind und dass Krieg gerade dann besonders schrecklich wirkt,wenn man auf Einzelschicksale schaut. Und auch, wenn heute erste Strömungen beginnen, das Konstrukt Beziehung unter dem Punkt zu hinterfragen, wie viel “Anrecht” man eigentlich an dem anderen habe, so ist dieser Gedanke keinesfalls neu: “Vereinigung mit dem geliebten Körper ist uns niemals gegeben, des Menschen Körper ist alleine für alle Ewigkeit. Blieb aber diese Liebe, die also auf des Geliebten Besitz verzichtet hatte, groß genug, so konnte sie vielleicht dem geliebten Körper helfen in seiner Einsamkeit. […] So galt es, einen zu finden, dem man alles gab, ohne ihn zu besitzen, dem man helfend treu blieb bis in den Tod, ohne ihn zu besitzen.” Andreas Magnus.

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