Die 3. Option – mehr als ein „Drittes Geschlecht“

Eine Initiative zur Verwirklichung des Rechts auf geschlechtliche Selbstbestimmung

© stock.adobe.com / Leonid

2017 gab es zwei Sternstunden in der rechtlichen Gleichstellung für die LSBTIQ*-Community. Zum einen wurde Ende Juni die „Ehe für alle“ im Bundestag beschlossen und zum anderen verkündete das Bundesverfassungsgericht das wegweisende Urteil mit der Einführung eines dritten positiven Geschlechtseintrags neben „männlich“ und „weiblich“. Dieses essentielle Urteil als weiteren Schritt zur Verwirklichung einer geschlechtlichen Selbstbestimmung haben wir insbesondere Vanja und der Kampagne zur „Dritten Option“ zu verdanken. Vanja, eine Inter*person, ist 2013 auf einige Personen zugekommen mit der Idee und dem Wunsch einen anderen Eintrag als „männlich“ oder „weiblich“ im Geburtenregister und in der Folge auch in allen anderen Dokumenten rechtlich durchzusetzen und zugleich diesen Prozess für Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärungsaktionen über die Existenz und die Probleme von Personen, die weder männlich noch weiblich sind, zu nutzen. Aus dieser Idee heraus entstand die Kampagnen-Gruppe der „Dritten Option“ und nach langen Vorbereitungen und Gesprächen reichte Vanja im Juli 2014 den Antrag auf eine Eintragung als „inter/divers“ beim Standesamt ein. Ein bisschen mehr als zwei Jahre später haben am 2. September 2016 etwa 100 Leute gemeinsam mit Vanja die Verfassungsbeschwerde gegen die ablehnende gerichtliche Entscheidung in dem Verfahren vom Bundesgerichtshof zum Bundesverfassungsgericht getragen. Im November 2017 urteilte dann das Bundesverfassungsgericht, dass es für Menschen, die sich nicht „männlich“ oder „weiblich“ verorten, einen dritten positiven Geschlechtseintrag geben muss oder die Erfassung von Geschlecht in öffentlichen Dokumenten abgeschafft werden muss. Der Gesetzgeber konnte zwischen diesen beiden Möglichkeiten der Umsetzung wählen. Das dafür zuständige Bundesinnenministerium entschied sich für die Umsetzung eines dritten positiven Geschlechtseintrags. Der ursprüngliche Referent*innenentwurf des Ministeriums sah die Bezeichnung „Weiteres“ neben „männlich“ und „weiblich“ vor. Die Trans*- und Inter*verbände intervenierten erfolgreich gegen diese diffamierende Bezeichnung. Schließlich einigten sich die Verantwortlichen auf die Bezeichnung „divers“, die bereits der Ethikrat des Bundestages vor einigen Jahren vorschlug.

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Seit 01.01.2019 ist das Gesetz zur Änderung des Personenstandsrecht gültig. Demnach können Menschen, die eine Variation von Geschlechtsmerkmalen (Inter*) attestiert bekommen, den dritten positiven Geschlechtseintrag „divers“ eintragen lassen. Ziel der Trans*- und Inter*verbände ist es allerdings, dass alle Menschen, die sich nicht „männlich“ oder „weiblich“ verorten, diesen dritten positiven Geschlechtseintrag nutzen können. Momentan ist dies leider noch nicht möglich, da durch eine ärztliche Person diagnostiziert und bestätigt werden muss, dass bei der Person eine angeborene Variation von Geschlechtsmerkmalen vorliegt. Das heißt im aktuellen Gesetz zur Änderung des Personenstandsrecht ist wieder das Moment der Fremdbestimmung wie im sogenannten Transsexuellengesetz (TSG) verankert. Menschen können nicht selbstbestimmt nach ihrem Geschlechtsempfinden den Eintrag ändern lassen, sondern sind auf die Bestätigung durch eine*n Ärzt*in angewiesen. Trans* Personen, die sich im sogenannten non-binären, abinären bzw. genderqueeren Spektrum verorten, sich also nicht als „männlich“ oder „weiblich“ oder beides oder dazwischen verorten, können diesen dritten positiven Geschlechtseintrag nicht nutzen, obwohl das Urteil des Bundesverfassungsgerichts einen anderen Weg vorsah. „Jeder Mensch hat ein Geschlecht. Sein eigenes“, wie es Lucie Veith, Inter*aktivist*in einst formuliert hat. Mit anderen Worten es gibt genauso viele Geschlechter wie es Menschen gibt. Dennoch müssen sich Menschen in wenigen Kategorien bzw. Schubladen einordnen lassen, die nicht im Entferntesten der Entropie der menschlichen Vielfalt gerecht werden. Insofern ist es weiterhin wichtig, gemeinsam mit den Trans*- und Inter*vertretungen und Initiativen wie die Kampagne zur Dritten Option für ein Gesetz der geschlechtlichen Selbstbestimmung zu kämpfen. Denn „Geschlecht ist eine Kategorie, die nur selbstbestimmt zugeordnet werden kann“ (Oliver Tolmein). Und dies sollte auch gesetzlich so verankert sein. Dieser Kampf für ein Recht der geschlechtlichen Selbstbestimmung ist auch ein Kampf gegen die Ketten der Fremdbestimmung und den Eingriff in die Würde des Menschen. Insofern handelt es sich bei der Kampagne für eine Dritte Option um eine Aktion, die für die Freiheit der geschlechtlichen Selbstbestimmung aller Menschen eintritt.

Was bedeutet die Kampagne für eine dritte Option
und welche Ziele möchte sie erreichen?

Auf der Homepage der Kampagne für eine dritte Option heißt es hierzu:
„Wir, die Kampagne für eine dritte Option, wollen Raum und Sichtbarkeit schaffen für alle Geschlechter jenseits von Mann* oder Frau*, und gemeinsam mit euch das Recht auf Selbstbestimmung juristisch und gesellschaftlich erkämpfen.

Immer wieder wird behauptet es gäbe eine “Natürlichkeit” von genau zwei Geschlechtern. Dabei wird diese erst mit Gewalt hergestellt – durch Operationen an intergeschlechtlichen Kindern ohne deren Zustimmung, durch das Pathologisieren, also für krank erklären, von Inter* und Trans*, durch das Unsichtbar machen und Ignorieren von allen, die jenseits von Mann* und Frau* existieren.

Menschen, die nicht als Mann* oder Frau* leben, sind keine neue Erscheinung. Sie gab es schon immer und wird es immer geben. Nur der Umgang mit ihnen ist unterschiedlich.

Also, es reicht!
Wir als Inter*, Trans*, Queers sind nicht krank oder gestört,
wir werden höchstens gestört.
Wir haben ein Recht auf Geschlecht wie alle anderen auch. (…)

Wir, die Kampagne für eine dritte Option, begleiten eine Klage auf eine dritte Option beim Geschlechtseintrag juristisch und mit politischer (Aufklärungs-)Arbeit. In der Gruppe sind Personen mit verschiedenen Identitäten aktiv. Uns beschäftigt zwar alle das Thema Geschlechtsidentität und Identitäten jenseits von binären Kategorien auch sehr persönlich, aber dies sehen wir nicht als Grundvoraussetzung an, um in einer Kampagne mitzustreiten, die mehr Sichtbarkeit und mehr Rechte für Personen mit Geschlechtsidentitäten wie Inter*, Trans*, Nonbinary, Genderqueer oder weiteren zu erreichen. Für uns ist es zentral alle Personen in ihrer eigenen Geschlechtlichkeit zu akzeptieren und Identitäten, Lebensentwürfe und Erfahrungen nicht als Konkurrenz zueinander zusehen. Wir sind daher weder eine Inter*-Organisation noch eine Trans*-Gruppe, sondern eine Kampagne für eine dritte Option beim Geschlechtseintrag – für alle Menschen, die nicht (ausschließlich) als männlich oder weiblich eingetragen sein wollen!“
(www.dritte-option.de)

Doch was bedeutet eigentlich Inter*?

Die Internationale Organisation intersexueller Menschen (OII Germany) definiert den Begriff Inter* als emanzipatorischen Oberbegriff wie folgt: Inter* „ist ein Begriff, der sich aus der Community entwickelt hat, und der als ein emanzipatorischer und inklusiver Überbegriff die Vielfalt intergeschlechtlicher Realitäten und Körperlichkeiten bezeichnet.
Inter* umschreibt die gelebte Erfahrung mit einem Körper geboren zu sein, der den normativen Vorstellungen von männlich/Mann und weiblich/Frau nicht entspricht. Dies führt noch heute zu Diskriminierungen und Menschenrechts¬verletzungen, wie z.B. uneingewilligte geschlechtsverändernde Eingriffe.

Inter* ist kein "Drittes Geschlecht"

Die körperlichen Realitäten von Menschen mit angeborenen Variationen der Geschlechtsmerkmale sind so vielfältig, dass sie nicht einfach in eine dritte Kategorie subsumiert werden können.
Geschlechtsidentitäten von Inter*
Inter*Menschen können, wie alle Menschen, eine männliche, weibliche, trans* oder nicht-binäre Identität haben. Inter*Menschen bezeichnen ihre Geschlechtsidentität manchmal auch als Inter*, Herm, Zwitter oder Zwischengeschlecht.“
(www.oiigermany.org)

Was sind die wichtigsten Unterschiede und Gemeinsamkeiten
von Trans*- und Inter*- Menschen?

Die wichtigsten Unterschiede sind:
„Intergeschlechtlichkeit definiert sich über den Körper: „Intergeschlechtlich sein“ bedeutet, mit Geschlechtsmerkmalen geboren zu werden, die nicht mit den medizinischen und sozialen Normen für die sogenannten männlichen und weiblichen Körper übereinstimmen. Trans* definiert sich über die Geschlechtsidentität: „Trans* sein“ bedeutet, eine Geschlechtsidentität zu haben, die die von dem zugewiesenen Geburtsgeschlecht abweicht. Die meisten Trans*-Menschen werden mit einem Körper geboren, der mit den medizinischen und sozialen Normen für die sogenannten männlichen und weiblichen Körper übereinstimmt. Intergeschlechtliche Menschen werden irreversiblen Eingriffen und Behandlungen ausgesetzt, die ohne ihre Einwilligung vorgenommen werden. Trans*-Menschen versuchen häufig, medizinische Behandlungen zu bekommen, die ihren Körper ihrer Geschlechtsidentität angleichen. Dabei ist es jedoch häufig schwierig für sie, die benötigte medizinische Versorgung zu erhalten.

Die wichtigsten Gemeinsamkeiten sind:
Beiden fehlt die Anerkennung ihres Grundrechtes auf Selbstbestimmung: Intergeschlechtlichen Menschen, weil sie invasiven medizinischen Behandlungen ohne ihre Einwilligung ausgesetzt werden; Trans*-Menschen, weil sie häufig massiven Hindernissen bei dem Zugang zur benötigten medizinischen Versorgung als auch bei der Anerkennung ihres Geschlechts gegenüberstehen. Beide werden anhand der medizinischen Richtlinien, Protokolle und Klassifikationen als „gestört“ angesehen, wobei Trans*-Menschen eine „psychologische Störung“ und Inter*-Menschen eine „körperliche Störung“ zugeordnet wird. Beide leiden unter Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen in einer Gesellschaft, in der die Dichotomie von männlich und weiblich vorherrschend ist, z. B. in der Schule, am Arbeitsplatz oder beim Sport.“ (Dan Christian Ghattas/OII Germany)

Autor*in

Kevin Rosenberger
Kevin Rosenberger

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