[ ]SBTTIQ*?

Über die Rolle von Lesben in der Community

Sitzen zwei Homosexuelle im Flugzeug. „Bestimmt haben sich jetzt alle zwei Männer vorgestellt“, sagt die eine. „Und dass wir zwei Passagiere sind auch“; ergänzt die Co-Pilotin.

Als ich vor 10 Jahren begann, mich aktiv für LSBTTIQ*-Rechte zu engagieren, habe ich mir keine Gedanken über Feminismus und seine grundlegende Rolle für die Ermöglichung spezifischer Emanzipationsbewegungen gemacht. Für mich war der lesbisch-schwule Ansatz ein sehr schlüssiger, den ich nicht weiter hinterfragt habe. 

Irgendwann hatte ich ein Gespräch mit einer feministisch-lesbischen Aktivistin, die mich mit ihrer Aussage sehr irritierte, als sie sinngemäß meinte, sie verstehe nicht, warum ich mit den Schwulen arbeite. Diese wären schlussendlich eben doch nur Männer, die die Bedarfe von Frauen nicht berücksichtigen würden, indem sie unter dem Deckmantel, LSBTTIQ*-Belange zu vertreten, doch nur schwule Interessen verfolgen würden. Letzteres lag – zugegeben: naiv – außerhalb meiner Vorstellungskraft. Vielleicht war ich aber vor Entrüstung über pauschale Kritik an Männern einfach nicht in der Lage, ihr Anliegen zu verstehen. Die Zusammenarbeit war fortan schwierig. Auch, weil ich mich nicht gleichwertig und von ihr ernstgenommen gefühlt habe. Heute, viele Erfahrungen später, sehe ich einiges anders. Die Aussage von damals – wahrscheinlich war sie in der Kürze des Gesprächs einfach auf ein unzulässiges Minimum reduziert worden – betrachte ich heute zwar noch immer als pauschal – ebenso pauschal wie meine damalige rigorose Ablehnung. Nichts desto trotz wird zunehmend offensichtlich, dass es Probleme gibt. Frauenfeindlichkeit in der Schwulen Community ist ein kritisch zu betrachtendes Thema, und in vielen Geschehnissen wird deutlich, dass Lesben häufig nicht mitgedacht werden, wenn von Homosexuellen die Rede ist. Womit wir wieder am Anfang wären. Seit besagtem Gespräch ist viel passiert, vor allem können einige wegweisende Erfolge der LSBTTIQ*-Community verbucht werden. Diese wären niemals umgesetzt worden, wenn nicht alle gemeinsam gekämpft hätten. Als herausragend ist sicherlich die Öffnung der Ehe zu betrachten. Lesben und Schwule haben gemeinsam für die Öffnung der Ehe gestritten, der LSVD hat über lange Jahre intensive Kampagnen geführt. Nun können alle heiraten, vor allem aber Lesben mit Kind sehen sich nach wie vor mit einem nicht mitgeregelten Abstammungsrecht konfrontiert. Während die Stiefkindadoption im Fall zweier lesbischer Mütter im Salzlandkreis drei Jahre dauern soll, und beide nicht von geteilter Elternzeit profitieren können, gehen viele derweil feiern. Niemand scheint sich mehr dafür zu interessieren. Weil es hauptsächlich Lesben betrifft? Wo bleibt da die Solidarität?

© Daily Xtra / CC BY-NC 2.0 / flickr.com

Lesben haben gemeinsam mit Schwulen für die Rehabilitierung der 175er gestritten, mit dem Ergebnis, dass sie tatsächlich erfolgte (abgesehen vom nicht zufriedenstellenden Regelungsumfang) – aber nicht für Lesben. Es gäbe kein Zahlenmaterial zur Verfolgung lesbischer Frauen und Mädchen, argumentieren die mit dem Thema befassten, vielfach schwulen Historiker, die bislang die Expertise dominieren. Die wenigen Historikerinnen, deren Forschung teilweise negiert wird, wiesen aber sehr wohl Verfolgung nach, im konkreten Beispiel Dr. Kirsten Plötz in der NRW-Studie. Auch Teile des LSVD argumentieren mit mangelndem Zahlenmaterial, und verkennen, dass die Verfolgung Schwuler sich sehr wohl auf die gesellschaftliche Diskriminierung von Lesben auswirkte. Sie verloren ebenfalls ihre Jobs, wurden stigmatisiert, ausgegrenzt, und ihnen wurden die Kinder weggenommen. Wo fängt Verfolgung an? Ausschließlich bei juristischer Strafbarkeit oder nicht auch bei gesellschaftlicher Ächtung? Wo bleibt der lesbische Aufschrei? Warum fordern nur wenige Lesben Finanzmittel für die Erforschung ihrer Geschichte? Warum lassen wir zu, dass Lesben aus der Geschichtsschreibung ausradiert werden?

Wer erinnert sich an Anita Augspurg, lesbische Frauenrechtlerin, erste promovierte Juristin des deutschen Kaiserreichs und maßgebliche Miterstreiterin des Frauenwahlrechts in Deutschland? Wenige, möchte ich behaupten, während Karl-Heinrich-Ulrichs und Magnus Hirschfeld durchaus bekannt sind. Lesben verlieren mit ihrer Geschichte ihre Identität. Die Geschichte(n) sind Teil unserer Zukunft!

Die Liste lässt sich weiter fortführen, z. B. damit, dass es an der hiesigen Aidshilfe Kritik gab, weil Lesben von Aidshilfe-Angeboten wie Syphilistests exkludiert worden waren, als könnten nur schwule Männer diese Krankheit bekommen, oder dass “Mann” sich beim Bund-Länder-Treffen des LSVD 2018 bei den Vertreter*innen eines Landesverbandes erkundigte, wie es denn so laufe, weil der Vorstand fast nur aus Frauen bestünde. Niemand würde auf die Idee kommen, das Funktionieren eines Vorstands zu hinterfragen, weil nur Männer vertreten sind. Jedenfalls fast niemand.

In der Tat sitzen die Gremien im LSBTTIQ*-politischen Raum voller schwuler Männer, einige Vorstände sind mittlerweile exklusiv männlich und selbst die sich einbringenden Lesben kann man an einer Hand abzählen. Bundesweit haben sich nahezu ausschließlich schwule Netzwerke aufgemacht, CSDs möglichst wenig politisch, dafür aber neoliberal-partyorientiert durchzustylen. Und wo bleiben die Lesben? Welche Lesbe ist denn im genannten Umfeld sichtbar? Gerade die CSDs sollten eine Plattform für die gesamte LSBTTIQ*-Community sein, aber auch in anderen LSBTTIQ*-Organisationen sind sie gering vertreten. Im LSVD Sachsen-Anhalt war ich lange das Pseudo-L im „Schwulenverband“. In der Mitgliedschaft liegt der Frauenanteil bei ca. 25 Prozent. Die Unterrepräsentanz der Frauen bildet die Verteilung der Geschlechter in der Realität nicht ab. Und so bringen sich weniger Frauen ein, werden Frauen weniger gehört, Frauen erhalten weniger Aufmerksamkeit und Fördermittel für ihre expliziten Belange und fallen nicht auf, werden bestenfalls mitgedacht. Im Glücksfall. Wenn man an schwule Männer gerät, die feministische und lesbische Themen mitdenken. Diese Männer gibt es durchaus, aber leider nicht flächendeckend. Warum fordern Lesben nicht die paritätische Besetzung der Gremien und Podien ein? Warum ergreifen Lesben dort nicht das Wort und kämpfen für sich und ihre Belange, wenn doch das gemeinsame Kämpfen an bestimmten Stellen nicht mehr so gut funktioniert?

Das Thema „Lesbische Sichtbarkeit“ hat nicht zuletzt durch die Veröffentlichung des Buches „Lesben raus!“ von Stephanie Kuhnen, die zur Literaturnacht anlässlich des diesjährigen CSD in Magdeburg weilte, an Präsenz erfahren und wird – zumindest im Großstadtumfeld – stark diskutiert. Es handelt sich um eine Sammlung von Texten zur Thematik, die gesellschaftliche Bereiche unter dem Aspekt lesbischer Sichtbarkeit facettenreich beleuchten und zum Engagement aufrufen. In seinem Beitrag für das Buch schreibt Christoph R. Alms, der sich selbst als cis*-geschlechtlicher, schwuler Mann, und des Weiteren als weiß und able-bodied, und somit privilegiert bezeichnet:„ Zu oft haben Männer geschwiegen, zu oft haben Schwule vorrangig eigene Interessen vertreten, zu oft wurde eine Gelegenheit zur Unterstützung von Lesben […] nicht genutzt.“ Mit zunehmender Sensibilisierung fällt mir auf, dass auch bei schwulen Männern, die ich über die Jahre kennen und schätzen gelernt habe, oft das Verständnis für explizit lesbische Belange weniger vorhanden aber ausbaufähig ist. Es liegt wohl an ihrem Standpunkt, aber sie hören zu und sind interessiert. Es gibt aber auch jene, die sich zwar gern den Anstrich der Vielfalt geben und mit Gendersternchen um sich werfen, aber deutlich zeigen, wenn die Akzeptanzgrenze erreicht ist – und zwar, wenn Frauen Kritik üben und ihre Rechte einfordern. Sollten diese Schwulen in exklusiv männlichen Vorständen, Gremien und Diskussionsrunden aufhören, Lesbenthemen mitzudenken, und statt dessen beginnen, nur noch schwule Interessen zu vertreten, haben wir ein Worst-Case-Szenario erreicht. Dies wäre die Sprengung der vielfach rezipierten LSBTTIQ*-Community.

Es geht hier nicht um Separatismus. Es geht um Gleichberechtigung – in der Wahrnehmung, der Mitbestimmung und Ressourcenverteilung. Das L ist Bestandteil der LSBTTIQ*-Community. Wir brauchen echte und ernstgemeinte Solidarität von Schwulen.

Mittlerweile gibt es bereits Überlegungen und Vorbereitungen zur Initiierung einer neuen lesbischen Bewegung. Ein Teil davon sind die jährlich im Vorfeld der CSD-Paraden stattfindenden Dyke*-Marches, die lesbische Sichtbarkeit demonstrieren – eine klassische Laufdemo ohne Kommerz, aber politisch und mit inhaltlichen Transparenten. Schwule Männer, zeigt euch solidarisch! Vielleicht beim Magdeburger Dyke*-March 2019!

Grit Merker

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